Predigt von Urs Zimmermann

 

zu Dorffest Mellikon

Liebe Mellikerinnen und Melliker,

liebi …

Känned Sie de Flavio Böhler? Das isch en Melliker Bueb. Hüt isch er öppe vierjährig und wohnt mit sine Eltere und sim Brüeder Theo a de Rooswiesstross do im Dorf. Eigentlich ghört de Flavio zum Melliker Adel. Sini Familie, also d’Böhler, die sind nämli scho sit 1770 im Dorf asässig.

Im Johr 2100 wird de Flavio 91. si. Ich wett mit Flavio echli i d’Zuekunft goh und luege, wie’s z‘ Mellike im Johr 2100 usgseh wird.

2100, de Flavio isch en alte Ma, 91. Er sitzt im Garte vor sim Huus am Von Roll-Weg und um ihn ume sitzed sini foif Enkelchind. „Das Huus do“, said de Flavio, „händ mini Grosseltere boue. De Hansruei und d’Catarina. Wo n’ich ghürote ha, 2041, ha n’is chönne überneh.“

Damals, um 2040, sig z’Mellike en Hufe gange. Es sigged Familie zuezoge und es heb wieder Chind geh im Dorf. So viel, dass mer d’Schuel wieder ufto haig. Allerdings nume für die 1. bis zur 3. Klass, aber immerhin. Ab de 4. Sigged alli uf Zorzi. Z’Aarau obe hebed’s damals endlich igseh, dass e Schuel ned rentiere müess und dass es wichtig sigg, de Chind e Heimat z’geh. De Flavio verzellt dänn, dass da mit de Schuel scho mol so gsi sigg. Sin Vater, de Lukas Böhler heb das no so erläbt. E Gsamtschuel siggis gsi do z‘Mellike, ein Lehrer heb d‘Chind vo de 1. bis zur 5. Klass unterrichtet. De Lehrer sigg mit Herzbluet do gsi für d’Melliker Chind und für’s ganze Dorf. Stefan Kolb heb de gheisse und wo d’Schuel wieder ufgange sigg, ebe um 2045, heb mer – ihm z’Ehre - s’Gmeindshuus mit de Schuelzimmer churzerhand in „Stefan Kolb-Huus“ umbenannt.

Warum sind damals Familie mit Chind is Dorf zoge, froged d’Enkel. Di ganzi Arbetsituation heb sich ebe verändered, said de Flavio. En huffe Lüüt hebed vo dihaime us chönne schaffe. Computer und Internet sigged so entwicklet gsi, dass das immer besser gange isch. Besprechige häd mir via Telefonkonferenz und über Bildschirm chönne abhalte.

Viel Lüt hebed vielliecht no eimol oder zwoimol d’Woche is Gschäft müesse. Pendle sigg immer weniger es Thema und de öffentlichi Verkehr  immer besser usboue worde. ¼ Stunde Takt uf Zorzi und Bülach. Und ab Zori jedi volli Stund Zug, direkt uf Bade. Privatauto heb mer immer weniger brucht und demit sigg s’Melliker s’Parkplatzkonzept eifach überflüssig worde.

Ganz alles sigg aber ned guet gsi, um 2045. Das geologische Tüüfelager für radioaktivi Abfäll hebed d’Melliker und d’Rekinger dänn doch müesse schlucke. Gege d’Zürcher Lobby isch mer do z’underscht im Aargau no nie acho und ned mänge Aargauer Politiker heb sich für d’Randregion do unde ehrlich interessiert und wörklich igsetzt. Und dänn häbed d’Melliker und d’Rekinger jo immer scho gsunde Mänscheverstand gha und sich gsaid, jä no … wämer de Dräck scho produziert händ, muemer en au versoged, irgendneuimed muener jo here. Zum Glück isch s’Thema Atomkraftwerk 2045 aber scho endgültig erledigt gsi. Im PSI z’Würelinge händ’s de Durchbruch in Sache Kernfusion gschafft. En Energieproduktion ohni radioaktive Abfall und au die erneuerbare Energie häd mer immer besser chönne nutze.

Das Tüüfelager immerhin häd echli Geld is Dorf gspült. Unter anderem händ d’Melliker en wunderbare Dorfplatz gschaffe. Mit öffentliche Zuewändige häd mer s’Schlössli und di alte Hüüser rund ume chönne renoviere und in en historische Zuestand zruggversetze. Unter anderem sind die hässliche Garage im Parterre vom Schlössi verschwunde und de Platz isch mit Kopfstei pfläschtered worde. Will d’Melliker es Gschpör händ für’s bsundere händ’s dem Dorfplatz ned eifach nume „Dorfplatz“ gsaid, will so eine gits überall, sondern Martinsplatz, will s’Kapälleli det e Martinskapelle isch.

Wo de Flavio so verzellt, lüütet das Kapälleli. So wie jede Tag, immer am Morge am und z’Zobig am . S’Lüüte vo de Kapälle bringt de Flavio uf d’Idee über d’Chile z’rede. Wer damals, ebe um 2045 no i d’Chile gange isch oder überhaupt no zu einer ghört häd, häd uf z’Zorzi müesse. Die katholische und di reformierte. D’Flavio said, sini Familie sigg scho gange, scho als Chind, nur scho wäg de Grossmuetter. Das sigg en engagierti Chilefrau gsi. Er sälber sigg no vomene Pfarrer vo de alte Sorte tauft worde. Als eine, wo no ned heb dörfe hürote. A de mög er sich aber ned erinner, de sigg dänn gli emol gange. Hüt wohni im Zurzacher Pfarrhuss ein Pfarrer mit Familie. Vier Chind heb er, das Huus sig jo au gnueg gross. Und zum Glück sigged d’Katholike endlich vernünftig worde.

Und dänn verzellt er no vom Thomas Gass, wo sich nach de Pensionierig voll uf’s Liedermache konzentriert und s’tatsächlich gschaff haigi, zwoimol i’d Schwizzer Charts cho. Er verzellt vo de Alina Knecht, wo id’Politik gange und Grossröti, ja schliessli Ständeröti worde saig. Und dänn chunnt d’red no uf Schiffsbou Joho. De Chlibetrieb häb 2050 doch tatsächlich d’Alinghi VI boue.

Jo, es isch einiges gange z’Mellike. D’Enkel losed ihrem Grossvater gern zue und eine froged: Was isch dänn glich bliibe, im Dorf, all die Johr? „De gueti Geischt,“ said de Flavio, s’Zämmehebe, s’Zämmeschaffe nach em Motto zwar chli aber starch.“ Und dänn goht er is Huus und as Büchergstell - Büecher gits immer zum Glück 2100 no - trotz aller Elektronik -   de Flavio chunnt mit emene alte Buech wieder use. „Und das isch s’Rezept für de gueti Geischt,“ said er. Da Buech wo n’er i de Händ hebt, isch e Bible. Er schloht si uf im Matthäusevangelium und lest: „Alles, was Ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen.“  Knapper und besser chan mer nedformuliere, wie s’gmeinsame Läbe glingt. Umkehrt müesst mer’s vielliecht no säge.Also: Alles, was Ihr nicht wollt, dass andere Euch tun, das tut auch ihnen nicht.

Das isch s’Rezept oder d’Spielregle für en gueti Geischt imene Dorf, inere Familie, imene Verein … . Da stoht eso i de Bible und ned nur i de Bible au im Koran. Det heisst’s: „Keiner von Euch ist ein Gläubiger, solange er nicht das für seinen Bruder wünscht, was er für sich selbst gewünscht hätte.“ Im jüdische Talmud: „Was Dir weh tut, tue keinem anderen an.“ Und d‘Hindus säged: „Dies ist die Summe aller Pflichten: Tue keinem anderen das Leid an, was bei Dir selbst Leid verursacht hätte.“ Und zum Schluss no d’Buddhiste: „Füge Deinem Nächsten nicht zu, was Dich schmerzen würde.“

Alli Weltreligione wüssteds, i jedere Heilige Schrift wär die Spielregle z’finde und sie wär so eifach. Aber alli vergässed sie immer wieder.

D’Melliker ned, wird Flavio sine Enkel verzelle… dänn im Johr 2100. „Alles, was Ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen.“ Das sigg d’Spielregle do im Dorf, scho immer.

Liebi Mellikerinne, liebe Melliker

Und natürli au liebi …

Dass de chline Flavio in 87 Johr das sine Enkel cha verzelle, bruchts euis, hüt.Alles, was Ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen. und Was Dir weh tut, tue keinem anderen an.“ Mached Sie mit?                                                                                                                                                         Amen.